Von heute auf morgen Chef meiner bisherigen Kollegen - geht das gut?

Thema: Führung
06. September 2017 Kommentare

Frage

Von heute auf morgen Chef meiner bisherigen Kollegen - geht das gut?
Ich soll zum 1.10. Chef einer Abteilung werden, in der ich zuvor als Mitarbeiter tätig war.

Antwort von Arno E. Zintel

Schön, dass Sie sich im Voraus mit dem Thema beschäftigen und nicht alles auf sich zukommen lassen, bis eventuell der „Krug zu Bruch gegangen ist“. Eines vorab, Ihre Führungs-Aufgabe lässt sich gut bewältigen, wenn Sie sich wie folgt vorbereiten und von Ihrem Chef richtig eingeführt werden. Denn auch Ihre bisherigen Kollegen müssen sich an die neue Situation gewöhnen. Stellen Sie sich daher vorab folgende Fragen, die Ihren persönlichen Führungsstil ausmachen sollen:

1. Wie wollen Sie Ihr Team in Zukunft führen?
    Legen Sie Wert auf eine harmonisch arbeitende Mannschaft, bei dem Sie Ihre Mitarbeiter „mitnehmen“ oder legen Sie den Schwerpunkt auf ein eher leistungsorientiertes Team, das sich auf wenige Leistungsträger, unterstützt von „Erfüllungsgehilfen“, konzentriert? Egal, ob Sie sich für diese oder andere Formen der Führung entscheiden - erfolgreich werden Sie nur dann, wenn Ihre Mitarbeiter zu Ihren Vorstellungen und Erwartungen passen. Nachdem Sie Ihre früheren Kollegen kennen, dürfte Ihnen diese Einschätzung nicht schwerfallen.
2. Wo stehen Sie als Führungskraft?
    Ermitteln Sie Ihre Führungsstärken und -Schwächen zur Bewältigung Ihrer neuen Aufgabe. Das gelingt entweder durch ein individuelles Coaching oder ein passendes Führungsseminar. So erfahren Sie, woran Sie persönlich noch arbeiten müssen.

Bei Ihrem Aufstieg vom Kollegen zum Chef sind darüber hinaus einige Stolperfallen zu umgehen:

1. Was wird von Ihnen erwartet?
    Lassen Sie sich auf keinen Fall abfinden mit: „Sie werden das schon machen!“ Klären Sie ab:
    - was konkret von Ihrer Abteilung erwartet wird und in welchem Zeitraum,
    - welche Probleme Ihr Vorgesetzter in der bisherigen Zusammenarbeit und bei den
       Ergebnissen sah und bis wann Sie Zeit haben, diese abzustellen,
    - wieviel Spielraum Sie zur Umsetzung Ihrer eigenen Gedanken und Ideen haben.
    Vielleicht hilft es Ihnen auch weiter, wenn Sie während Ihrer Einarbeitung einen Mentor an die Seite gestellt bekommen, der Sie bei Führungsfragen unterstützen kann.
2. Wie sollten Sie in die neue Aufgabe eingeführt werden?
    Es ist vor allem die Aufgabe Ihres Chefs, Sie einzuführen mit entsprechender Begründung, warum er sich für Sie entschieden hat. Wenn es einen Wettbewerber um Ihre Position gab, sollte Ihr Chef vor Ihrer Einführung mit diesem gesprochen haben, um Neid oder Missgunst vorzubeugen. Bei Nichtbeachtung kann eine Gegenwehr durch passiven Widerstand, Klickenbildung bis hin zu Intrigen die Arbeit Ihres Teams erheblich gefährden.

3. Mit welchen Hindernissen haben Sie seitens Ihrer früheren Kollegen zu rechnen und
    wie sollten Sie sich dabei verhalten?

    a) Fangen wir mit einem möglichen Wettbewerber aus Ihrem Team an. Suchen Sie das Gespräch mit ihm und klären Sie, wie er eine zukünftige Zusammenarbeit sieht, er mit Ihnen zusammenarbeiten kann und will oder ob er lieber die Abteilung oder das Unternehmen wechseln will. Ein offenes Gespräch ist hier dringend angebracht!

    b) Die bisherigen persönlichen Beziehungen laufen Gefahr in Schieflage zu geraten, indem frühere Kollegen versuchen werden, aus Ihrer Beziehung zu Ihnen Kapital zu schlagen. Sie erwarten z. B. eine gewisse Sonderbehandlung (Schlüsselrechte, größeres Büro, besten Arbeitsplatz, Teamsprecheraufgabe, Mitwirken bei Entscheidungen, Bevorzugung gegenüber den Kollegen). Bauen Sie vor, machen Sie in einem persönlichen Gespräch klar, dass Sie nach wie vor gute Freunde bleiben, aber alle Kollegen gleich behandeln müssen!

    c) Hüten Sie sich vor kollegialem Vereinnahmungen, um sich gegen die nächsthöhere Ebene zu verbünden (Stell Dich nicht so an, brauchst die Nase nicht so hoch zu halten, Du hast doch früher auch …). Entwickeln Sie beruflich eine professionelle Distanz. Wehren Sie solche Angriffe freundlich, aber bestimmt ab und

    d) verschaffen Sie sich Respekt durch selbstsicheres Auftreten. Respekt ist unabdingbar, denn Sie werden immer wieder im Sinne des Unternehmens oder Ihrer Abteilung unliebsame, aber notwendige Entscheidungen treffen müssen. Diese werden jedoch nur respektiert, wenn Sie über die notwendige Distanz, Akzeptanz und den erforderlichen Respekt verfügen!

    e) Bevorzugen Sie von Anfang an die persönliche Kommunikation, sonst kann die Zusammenarbeit sehr schnell leiden. Entwickeln Sie Ihre „Chef-Beziehung“ gegenüber den Teammitgliedern. Erklären Sie Entscheidungen persönlich, hören Sie Ihren Mitarbeitern stets gut zu (als Chef haben wir nicht immer Recht!) und fordern Sie Feedback ein. Geben Sie aber auch ein kurzes Feedback zu dem, was Ihre Mitarbeiter sagen. Übrigens: In solchen Feedback-Gesprächen merken Sie schnell, wer sich nicht gerne von Ihnen führen lässt. Wenn Sie dies bemerken, bedarf es eines 4-Augen-Gespräches, ehe es zu größeren Problemen im Team kommt, weil der Kollege sich abfällig über Sie äußert!

    f) Lassen Sie es nicht einreißen, dass Mitarbeiter sich vor ungeliebten Aufgaben drücken, diese delegieren oder gar liegen lassen. Im Team muss jeder seinen Aufgabenbereich erfüllen, wissen, wer was und wie zu bearbeiten und wie man sich abzustimmen hat. Klären Sie und begründen Sie die Notwendigkeit, warum sich alle an diese Vorgaben halten müssen!

Lernen Sie, dass Sie als Chef nicht geliebt, sondern respektiert werden müssen – Sie sind Vorbild im Verhalten.

Und noch etwas: Respekt ist keine Frage des Duzens oder Siezens. Wenn Sie sich bisher alle im Team geduzt haben, können Sie es dabei belassen.

Wenn Sie sich auf Ihrem Weg vom Kollegen zum Chef mit diesen Gedanken und Tipps vorbereitet haben, entwickeln Sie den Spaß an der Arbeit und die Leistungsbereitschaft im Team.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Und falls Sie Fragen, Anregungen haben oder mir Feedback geben wollen, schreiben Sie mir! Ich freue mich über Ihre Rückmeldung.

Herzlichst Ihr Arno Zintel

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